JuliensBlog – 11. September

Ich bin ein toleranter Mensch. Dabei beziehe ich mich nicht auf Ausländer, Homosexuelle oder religiöse Ausrichtungen. Bei solchen Gebieten sollte Toleranz meiner Meinung nach selbstverständlich sein, und wie man dabei trotzdem noch unbegründeten Hass verspüren kann, ist mir oft genug schleierhaft – aber das ist gar nicht das Thema, das ich jetzt anstrebe. Ich bin auch tolerant gegenüber Dingen, bei denen ich Intoleranz zumindest nachvollziehen kann, und damit meine ich schwarzen und makaberen Humor.
Ich liebe diese Art von Humor, wenn sie witzig ist. Wenn mal jemand einen Witz über Ausländer macht, wird das oft viel zu schnell als Rassismus bezeichnet und für moralisch verwerflich gehalten.  Das kommt zwar nun von einem 17-jährigen Jugendlichen, der kaum über nennenswerte Lebenserfahrung verfügt, aber für mich kann der Rassismus nicht im Witz stecken, er steckt vielmehr in den damit verbundenen Gefühlen. Es ist ein Unterschied, ob man über einen Türkenwitz lacht, weil man ihn lustig findet oder ob man das tut, weil man Türken hasst.
Was ich sagen möchte, ist: Ich wäre wohl einer der letzten, der jemandem wegen eines über die Strenge schlagenden Humors verurteilen würde. Aber auch ich habe moralische Grenzen, und die wurden nun überschritten. Nach dieser viel zu langen Einleitung kommen wir also zum eigentlichen Thema: JuliensBlog.

Wer den YouTuber JuliensBlog nicht kennt, sollte sich zunächst einmal glücklich schätzen, muss aber nun nicht zwangsläufig mit dem Lesen aufhören. Ich selber habe mir für diesen Text nur einige Videos von ihm angesehen und kenne den Großteil seiner Werke nicht; entsprechend mag man mir ein paar eventuelle Fehleinschätzungen bitte verzeihen.
Ich beziehe mich hier unter anderem auf sein momentan neuestes Video, das Raplied „11. September“, aber auch allgemein möchte ich meine Meinung über seine Art kundtun. Verschieben wir den Inhalt auf später – was einem bei seinen Videos mit als Erstes auffällt, ist seine gekonnte Art, zu sprechen, die ihn im Zusammenspiel mit seiner Stimme zu einem überzeugenden Redner macht. Im Lied „11. September“ kam ich nicht umhin zu bemerken, dass auch die Reime – nach wie vor ohne Betrachtung des Inhalts – gar nicht schlecht waren. Kurz gesagt: JuliensBlog hat ein großes Talent. Umso tragischer also, wie er dieses Talent verwendet.
Sein Sprachstil sticht mit seiner provokanten Art deutlich heraus, beispielsweise wenn er erwähnt, dass es ihm scheißegal ist, dass in Afrika und anderen Ländern täglich Dutzende Menschen krepieren. Abgesehen von der groben Ausdrucksweise kann ich den Gedanken nachvollziehen – natürlich ist es schrecklich, wie viele Menschen dort an Hunger und Krankheiten sterben, aber ich kann nicht so tun, als ginge es mich wirklich etwas an, denn ich bin nun einmal nicht beteiligt. Würden sich Juliens Provokationen auf diese missverständlich aggressive Ausdrucksweise beschränken, hätte ich auch absolut kein Problem damit – nur ist dem leider nicht so. Menschenverachtende Inhalte wie beispielsweise Rassismus und Homophobie, sowie Aussagen, die in die Richtung „Wenn Du selten Sex hast, bist Du ein Verlierer“ schlagen, finden sich in seinen Videos wie Sand am Meer. Auch das wäre zu verkraften – einer meiner Grundsätze lautet „Leben und leben lassen“, ich wäre also liebend gerne bereit, ihn zu ignorieren und ihn Videos machen zu lassen. Wenn in seinen Texten Stellen vorkommen wie „Dauernd Frauen schlagen, Bitch, ich hab‘ schon blutige Hände“, ist das zwar moralisch fragwürdig, aber das kann ich mit mulmigem Gefühl ruhen lassen.
Nicht im Geringsten tolerierbar und auch nicht ignorierbar finde ich hingegen, wenn er sich in extremer Weise über das Leid anderer Leute lustig macht oder es ad absurdum führt. Bei Zeilen wie „Ihr habt große Fresse auf der Anklagebank, dann sitzt ihr lebenslänglich wie der „Wetten, dass…?“-Hampelmann“, mit dem er sich auf den Unfall von Samuel Koch, der seit seinem Unfall bei „Wetten, dass…?“ gelähmt im Rollstuhl sitzt, bezieht, wage ich es gar nicht zu fragen, was in der Erziehung schief laufen muss, damit man eine derart missratene moralische Einstellung besitzt. Ähnlich schlecht wird mir bei „Ich hab‘ mehr Teenies weggeknallt als Anders Breivik“ oder „Denn ihr seid wie krebskranke Kinder, Zeitverschwendung“. Beispiele wie diese finden sich überall im Lied und auch in anderen Videos. Ich möchte gar nicht versuchen, das mit anderen Wertvorstellungen zu begründen – man sieht deutlich, dass der „schwarze Humor“, wie Julien selbst ihn häufig bezeichnet, zu großen Teilen in Wirklichkeit sogenannter „kranker Humor“ ist, der seinen Witz also aus der Schockreaktion beziehen soll, die er hervorruft. Wenn Julien also beispielsweise sagt, er sei „atemberaubend wie Konzentrationslager“, mag man sich vielleicht einreden, dass es ein unglaublich lustiger, gewitzter Vergleich ist, tatsächlich sehe ich es aber so, dass, wenn man diesen Spruch toll findet und Julien, wie es viele Fans bereits tun, nach dem Mund redet, dann der Gedanke dahinter der ist, dass man sich gegen die moralischen Normen der Gesellschaft stellt und damit ein „ganz harter Hund“ ist, der sich nichts sagen lässt.

Leute erlangen oft Aufmerksamkeit dadurch, dass sie die Dinge sagen, die sich keiner traut, zu sagen. Und das kann eine gute Sache sein, wenn sie damit auf Tatsachen hinweisen, vor denen wir nicht die Augen schließen dürfen; wenn sie uns damit auf den richtigen Weg bringen oder unseren Horizont erweitern wollen, weil wir auch die unangenehmen Wahrheiten akzeptieren müssen. JuliensBlog tut das nicht. Er nimmt einfach die absurdesten, verletzendsten und grausamsten Vergleiche, widerspricht jeder Ethik und glaubt, das käme bei den Leuten gut an. Und das Traurige ist, dass es das anscheinend auch tut, wenn man sich die unglaublich hohe Resonanz, die seine Videos erfahren, mal anschaut. Und da unter seinen Zuschauern viele beeinflussbare Jugendliche und gar Kinder sind, bleibt Juliens Einstellung nicht nur bei ihm selbst, sondern findet sich auch in seinen Fans wieder.
Ich habe oft gehört, dass viele ihre Kinder später nicht RTL schauen oder BILD lesen lassen wollen, um sie vor schlechten Einflüssen zu schützen, und auch den Vergleich zwischen JuliensBlog und genannten Medien habe ich sehr häufig gelesen. Ich sehe Einflüsse wie JuliensBlog aber noch als weitaus gefährlicher. RTL und BILD mögen Kindern eine seltsame Ansicht der Welt einflößen und ihnen die Fähigkeit zu Hinterfragen nehmen; JuliensBlog nimmt ihnen jegliche Grundlage moralischer Werte, er züchtet keine Idioten heran wie BILD und RTL, sondern Rassisten und Homophobiker. Beides sollte in keinster Weise in Kontakt mit der Erziehung kommen, aber wenn man wählen müsste – mir sind Idioten weitaus lieber als Arschlöcher.

[Nachtrag: Falls ihr mich bezüglich dieses Textes kontaktieren möchtet, lest bitte zunächst diese Kolumne, in welcher ich einige meiner Ansichten widerrufe!]

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Ein Kommentar zu “JuliensBlog – 11. September

  1. Textkritik: JuliensBlog – 11. September – CodricsBlog

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