Massenprokrastination

Du musst Dich dringend ändern. Ja, genau Du, der Leser! Es gibt bei Dir eine Menge Änderungsbedarf! Aber mach Dir nichts draus – bei mir auch, und genauso bei jedem anderen. Keiner von uns ist perfekt, und so finden wir immer wieder Macken bei uns – schlechte Angewohnheiten, nervige Eigenschaften… Und oft genug sind das Dinge, die wir gerne ändern würden. Also, warum machen wir es nicht einfach?
… Oh, genau, das neue Jahr steht schon bald vor der Tür. Das ist der perfekte Zeitpunkt, diese Dinge in Angriff zu nehmen und uns zu ändern! Mit dem Jahr 2013 werden wir ganz neue Menschen sein!

Aber… warum eigentlich erst dann? Wenn wir uns ändern wollen, warum warten wir dann bis zum neuen Jahr, statt es sofort zu machen? Gute Vorsätze gibt es ja schon seit langem – seit ich denken kann, ist es beinahe überall üblich, für das neue Jahr Ziele zu setzen, die man dann in Angriff nimmt. Aber auch, wenn ich es mir schon vor Ewigkeiten abgewöhnt habe, mir Vorsätze zu überlegen (da ich diese ohnehin nicht einhalten kann), begann ich erst vor kurzem, das Konzept zu hinterfragen. Darum noch einmal meine Frage: Warum wartet man bis zur Umsetzung seiner Ziele bis zum neuen Jahr?

Nun würde ich für den Text unheimlich lange brauchen, wenn ich darauf warten müsste, dass ihr die Frage in den Kommentaren beantwortet. Da ich solange nicht warten möchte, nehme ich euch diese Aufgabe ab (außerdem muss ich mich auf diese Weise nicht mit Einwänden auseinandersetzen, gegen die ich keine Argumente habe). Was ich als großen Einwand erwarten würde, wäre das, was ich schon eingangs erwähnte:
Das neue Jahr ist ein neuer Anfang und damit der perfekte Zeitpunkt, um etwas Neues zu starten!
Nun, ich muss tatsächlich gestehen, das ist… eine nette Ausrede. Mehr aber auch nicht. Ein Neustart ist ja ein schöner Gedanke, aber für mich ist dieses „Im neuen Jahr wird alles anders!“-Gerede nicht mehr als eine Ausrede, sich nicht jetzt schon um etwas zu kümmern, sondern es aufzuschieben. Dieses Aufschieben (oder „Prokrastination“) kennt sicher jeder von euch – man muss gerade Hausaufgaben machen oder etwas für die Arbeit erledigen, oder vielleicht muss man aufräumen… oder jede andere unliebsame Tätigkeit. Und dann schielt man gerne mal sehnsüchtig zum Computer oder Fernseher oder Buch oder jede andere weitaus liebsamere Tätigkeit… und ehe man sich versieht, geht man letzterer Tätigkeit nach, mit dem Gedanken „Aufräumen kann ich ja, wenn ich das hier fertig habe!“ Leider kommt es oft genug so, dass man, wenn man dann „das hier“ fertig hat, nicht aufräumt oder was man sonst so machen soll, sondern sich etwas anderes sucht, mit dem man aufschieben kann. Je nach eigener Überwindungskraft braucht diese ungeliebte Arbeit – für die man sonst vielleicht eine halbe Stunde aufwenden würde – also Ewigkeiten oder bleibt sogar ganz liegen.

Und was sind Neujahrsvorsätze? Meiner Meinung nach nichts anderes. Man weiß, dass man ja eigentlich mit dem Rauchen aufhören oder abnehmen möchte, oder was man sonst so für Makel bei sich gefunden hat. Aber auch, wenn man es sich selbst nicht eingestehen möchte, hat man so ganz ehrlich nicht wirklich Lust darauf… und da kommt einem die Tradition der guten Vorsätze doch prima gelegen! Man verschiebt die Ausmerzung der Fehler einfach auf das nächste Jahr (oder gelegentlich hinter ein anderes großes Ereignis) und geht guten Gewissens weiterhin seinem Laster nach – immerhin nimmt man sich dem Problem ja an, nur eben nicht jetzt!
Bei oben genannten Fällen des Aufräumens und Ähnlichem wird dieser grandiose Plan häufig von den Eltern, Mitbewohnern oder Partnern ruiniert, die einen dann antreiben, die Arbeit doch endlich mal zu erledigen. Bei den guten Vorsätzen ist mir das aber noch nie untergekommen – nie habe ich jemanden sagen hören „Nun warte doch nicht erst bis zum neuen Jahr!“, denn immerhin macht das ja jeder! Gute Vorsätze sind einfach eine gesellschaftlich akzeptierte Form des Aufschiebens.

Nun kann man auch dagegen etwas sagen – ob nun sofort oder etwas später, Hauptsache ist doch, das Ziel wird auch in Angriff genommen!
Es gibt zwar auch einige Vorsätze, die man besser so früh wie möglich erfüllen sollte (zumal man auch nicht von „etwas später“ sprechen kann, wenn etwa im Sommer oder gar Frühling etwas für das neue Jahr beschlossen wird), aber auch ganz davon abgesehen sehe ich diese Form des Aufschubes als sehr kontraproduktiv – denn wenn man es nicht schafft, den guten Vorsatz einzuhalten (wenn man ihn denn nicht inzwischen vergessen hat), dann kann es vorkommen, dass man aufgibt und ihn… nun, auf nächstes Jahr vertröstet. Und wieder ein Jahr, in dem man sich guten Gewissens keine Sorgen machen braucht! (Nun gut, nicht jeder gibt seine Vorsätze sofort auf, das sehe ich ein. Aber es ist mir schon oft genug untergekommen, dass der erste Versuch zugleich auch der letzte (des Jahres) war.)
Natürlich kann man auch auf die Nase fallen, wenn man auf den ganzen Neujahrsvorsatzquatsch verzichtet und sich seiner Probleme gleich annimmt – aber ich sehe die Wahrscheinlichkeit hier geringer. Warum? Weil man – zumindest meiner Erfahrung nach – für Neujahrsvorsätze sammelt. Hat man erst einmal eine persönliche Schwachstelle gefunden, um die man sich im neuen Jahr kümmern möchte, sucht man gerne noch nach einer weiteren, die man der Liste gleich hinzufügen kann, und dann vielleicht noch eine, und noch eine… Ich führe das auf das tolle Gefühl zurück, das man hat, wenn man durch dieses Schwächen-finden etwas Produktives leistet (ohne wirklich etwas leisten zu müssen). Alternativ ist es auch das persönliche Umfeld, dass in dem Zeitpunkt dann seine Chance sieht, einem die ganzen Dinge, mit denen man die Freunde und Verwandten seit Ewigkeiten in den Wahnsinn treibt, endlich ins Gesicht zu schleudern.
Das Problem hierbei ist aber, dass der Neujahrstag dann eines Tages kommt – und wenn man dann eine endlos lange Liste zu erledigender Vorsätze hat, ist die Erfolgsquote natürlich ungleich niedriger, als wenn man sie sofort erledigt, sobald sie einem auffallen und sie so nach und nach abarbeitet. Zehn Mal fünf Kilo tragen ist schließlich auch einfacher als einmal 50 Kilo.
Und deswegen sind diese Neujahrsvorsätze schwachsinnig. Wenn ihr euch ändern wollt, dann wartet nicht auf ein großes Ereignis, nach dem ihr euren Vorsatz vielleicht gar nicht einhalten könnt (und dann unter Umständen wieder bis zum nächsten großen Ereignis wartet)! Wenn es etwas zu tun gibt, dann solltet ihr es jetzt tun, da es sonst nie geschieht!

Aber wem mache ich denn etwas vor? Das ist doch ein großer Haufen Heuchelei – wie man sicher schon herauslesen konnte, ist mir Aufschiebung nichts Unbekanntes. Ich selber schiebe Tag für Tag Tätigkeiten auf (ich schreibe diesen Text gerade nur, weil ich eigentlich an einer Bewerbung für mein Praktikum arbeiten müsste), und somit sollte ich mir lieber mal an die eigene Nase fassen, wie der Volksmund so schön sagt. Allerdings würde das bedeuten, dass ich mit dem Aufschieben aufhören und die Dinge sofort erledigen müsste, und das ist mir zu stressig. Stattdessen sollte ich vielleicht aufhören, mich über solchen Kram aufzuregen – es ist viel zu viel Arbeit, die letzten Endes nichts bewirkt. Immerhin werde ich wohl kaum die Menschheit dazu bringen, ihre Vorsätze sofort umzusetzen.
Also wäre es vielleicht eine gute Idee, wenn ich diese Marotten der Menschheit einfach akzeptieren und mit ihnen leben würde. Ich denke, ich werde im neuen Jahr gleich mal damit anfangen.

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Ein Kommentar zu “Massenprokrastination

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