Wie sieht es in Deinem Kopf aus?

Die Frage im Titel stelle ich nicht, weil ich eine Hausaufgabe über Anatomie erledigen muss und zu faul für die Recherche wäre (als würde ich Anatomie wählen, pah). Sehen wir die Frage lieber im übertragenen Sinne: Was denkt ihr? Wie denkt ihr?

Anfang letzten Monats hat der britische YouTuber Charlie McDonnell ein Video mit dem Titel „I’m scared“ hochgeladen und später einen Blogeintrag dazu verfasst. (Ihr findet beides hier: http://charliemcdonnell.com/im-scared/)
Im Video erzählt Charlie davon, dass er Angst hat. Angst vor den Reaktionen, die seine Videos hervorrufen können; Angst davor, dass sie nicht gemocht werden. Hauptsächlich also Angst vor dem, was andere Menschen über ihn denken. Darüber habe ich einige Zeit nachgedacht, und ich habe etwas erkannt, was mir vorher nicht klar war.
Ich habe Angst. Angst vor dem, was andere Menschen von mir denken. Ich hatte das lange Zeit ignoriert, vor mir selber versteckt, mir eingeredet, dass die Meinung meiner Mitmenschen über mich selbst mich nicht interessiert… doch das tut sie. Zwar bekomme ich nicht die Art von Angst, die Charlie seiner Beschreibung nach bei seinen Videos bekommt (was wohl daran liegen dürfte, dass ich nur Texte schreibe, während Videos eine komplett andere Dimension darstellen). Aber auch bei mir ist einer der großen Antriebe der Wunsch, von meinen Mitmenschen gemocht zu werden… und die Furcht, dass man mich verachtet.

Um mal ein Beispiel zu nennen: Momentan nehmen wir im Schulsport Badminton durch. Grauenvolles Spiel, ich bekomme es einfach nicht hin und bin wahrscheinlich einer der schlechtesten Spieler im Kurs. Und deswegen habe ich Angst – Angst, was die anderen von mir halten. Sehen sie mich und haben dann abfällige Gedanken? Unterhalten sie sich, wenn ich gerade nicht da bin, über mich und darüber, wie schlecht ich spiele? Und haben sie jedes Mal, wenn die Spielpartner zusammenkommen, Panik, dass sie mit mir zusammenspielen müssen?
Genauso ist es manchmal, wenn ich in einer großen Runde (wie zum Beispiel in der Klasse) etwas sage. Ich bekomme Angst – und in diesen Fällen merke ich das sogar körperlich: Mein Herz klopft schneller, meine Atmung wird flacher, und ich warte ungeduldig ab, wie der Lehrer auf meine Aussage reagiert – könnte sie vielleicht falsch, beziehungsweise schlecht oder dumm sein? Und was werden in dem Fall dann meine Klassenkameraden über mich denken?
Nun weiß ich, wie bescheuert das ist. Kein Mensch wird mich für eine schlechte sportliche Leistung oder eine Falschaussage hassen (sofern es nicht zu einem krassen Extrem wird). Wenn es beim Sport wirklich so schlimm wäre wie die oben beschriebenen Befürchtungen aussagen, dann würde ich nicht in jeder Sportstunde von jemanden gefragt, ob ich sein Partner sein möchte. Und die Sache mit den Aussagen wird geradezu lächerlich, wenn man bedenkt, dass ich ANDAUERND Sachen sage, die irgendwelche Leute für dumm halten könnten – hauptsächlich Gedanken, die mir gerade durch den Kopf schießen und die ich für lustig halte. Warum habe ich da nie Angst, was man von mir denken könnte?

Aber das ist gerade das Problem an dieser Angst. So furchtbar irrational sie auch sein mag, ich komme nicht mit gesundem Menschenverstand dagegen an. Ich kann mir jedes Mal einreden, dass ich keine Angst haben brauche, weil die Leute nun einmal nicht so schlecht von mir denken (und wenn doch, sind das Vollidioten, und bei denen ist es mir tatsächlich egal, was sie von mir denken) – doch es hilft einfach nicht, die Angst bleibt.
Doch diese Erkenntnis, dass ich solche Angst habe, kam mit einer sehr erleichternden Voraussetzung: Ich war definitiv nicht der Einzige damit. Nicht nur Charlie hatte von dem Problem erzählt – in den vielfältigen Reaktionen auf das Video (Kommentare, Videoantworten, et cetera) fanden sich Unmengen an Berichten von Leuten, die laut eigener Aussage genau die gleiche Angst verspüren. Diese Angst ist also nichts Ungewöhnliches, sondern sogar sehr verbreitet – und es ist ein sehr beruhigender Gedanke, dass meine Angst zwar irrational ist, viele meiner Mitmenschen aber genauso fühlen.

Es gibt noch mehr Fälle, in denen ich das erlebt habe – ein weiteres Beispiel sind Selbstgespräche. Ich rede zwar nicht laut mit mir, wenn ich alleine bin, aber so ziemlich jeder Gedanke, den ich tätige, ist ein „Dialog“. Ich denke in einem Gespräch, als würde ich meine Gedanken jemandem erzählen oder erklären. Ich dachte immer, dass das sehr ungewöhnlich wäre und habe mich dann gewundert, wie wohl andere Menschen denken (da ich mir eine andere Denkweise einfach nicht vorstellen kann). Dann sprach ein Bekannter von mir (in etwa) die Worte „JEDER Mensch redet mit sich selbst“. Und kürzlich lud der YouTuber Doktor Allwissend ein Video hoch, in dem es um genau dieses Thema ging – kurz gesagt erklärte er, dass es absolut nicht ungewöhnlich ist, mit sich selbst zu sprechen.
(Ich werde auf den Inhalt nicht weiter eingehen, aber wen das Video interessiert: Warum wir Selbstgespräche führen)

Dies war nun also schon der zweite Fall, in dem ich eine persönliche „Kuriosität“ für einen ungewöhnlichen Seltenheitsfall hielt, dann aber plötzlich hörte, dass es sogar sehr viele Gleichgesinnte gab. Und da kommt mir dann ein Gedanke: Wie viele andere Eigenschaften von mir habe ich immer für seltsam gehalten, obwohl sie ganz normal menschlich sind? Und viel wichtiger – wie viele andere Menschen leiden wegen solcher Fälle noch unter unnötiger Unsicherheit?
Daher denke ich, dass das eine durchaus wichtige Lektion ist. Vielen Kindern wird beigebracht, dass sie einzigartig wie eine Schneeflocke sind, dass sie absolut einmalig sind und dass es niemanden gibt, der so ist wie sie. Ich möchte mich nicht über die Korrektheit dieses Gedankengangs äußern, aber ich möchte sagen: Manchmal ist es vielleicht wichtiger, genau das Gegenteil zu beachten. Selbst, wenn jeder von uns einzigartig sein mag, haben wir dennoch viele Gemeinsamkeiten. Vielleicht sind wir alle anders – aber auf eine andere Art und Weise sind wir alle gleich.
Manchmal hilft es einfach, die Situation aus der Perspektive der anderen zu sehen: Wenn wir gerade in eine peinliche Situation geraten sind, dann schämen wir uns nicht nur für den Moment in Grund und Boden – wir glauben, dass unsere Mitmenschen mehrere Wochen bis hin zu einer Ewigkeit lang daran denken und uns danach beurteilen werden. (Zumindest kam es mir immer so vor, aber inzwischen glaube ich nicht mehr, dass ich da der Einzige bin.) Doch wie wäre es für uns, wenn wir jemanden in der Situation gesehen hätten? Oder anders: Wie ist es für uns, wenn wir denn mal wirklich jemanden in einer peinlichen Situation sehen? Nicht nur, dass wir die Begebenheit meistens innerhalb kürzester Zeit wieder vergessen haben; wir sehen sie noch nicht einmal so streng und beurteilen keinenfalls diese Person danach!
Und warum sollte es umgekehrt dann anders sein? Unseren Mitmenschen geht es dann genau so wie uns – sie lachen vielleicht kurz über die Situation, denken dann nicht groß weiter darüber nach und haben sie am nächsten Tag wahrscheinlich schon wieder vergessen. Unsere Sorgen, die aus der Perspektive des Gepeinigten entstehen, sind absolut unbegründet.

Um also noch einmal auf das Einstiegsthema einzugehen (nicht Anatomie!): Charlie hat Angst. Ich habe Angst. Aber das ist absolut nicht schlimm: Jeder Mensch hat Angst! Nicht jeder mag es zugeben – manche Leute belügen andere, manch andere sich selbst (so wie ich) -, und es hat auch nicht bei jedem die gleiche Form und Ausprägung. Doch die Angst ist bei jedem da. Wir mögen unsere persönlichen kleinen Schwächen und Eigenarten haben, die uns vielleicht verunsichern – doch damit sind wir nicht die Einzigen, denn unter so vielen Menschen auf der Welt können wir Unmengen an Mitleidenden finden.
Vielleicht stimmt es: Du bist einzigartig, Du bist wie eine Schneeflocke, niemand ist so wie Du. Aber viel wichtiger ist:
Du bist nicht allein.

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2 Kommentare zu “Wie sieht es in Deinem Kopf aus?

  1. Hi Codric,

    früher dachte ich, alle meine Mitmenschen wären von innen, in ihren Gedanken, genau so selbstsicher und »cool«, wie sie sich von außen präsentieren.
    Erst als ich angefangen habe, Bücher zu lesen (speziell »Harry Potter«), habe ich innere Monologe kennen gelernt. Ich habe gelernt, dass Menschen anders denken, als sie sich präsentieren.
    Das wusste ich vorher nicht. Insofern geht es mir wohl so wie dir und deiner Art des Denkens.

    Merkwürdig, dass man sich für einzigartig hält, nicht?

    • Hallo,
      ja, das kenne ich, ich dachte auch früher, dass meine Mitmenschen alle so selbstsicher wären, wie sie wirkten. Seitdem ich weiß, dass das nicht so ist, finde ich bei den anderen immer wieder Zeichen von Unsicherheit, wie ich sie von mir kenne. Ist nicht nur erleichternd, sondern auch recht amüsant. ^^
      Danke für Deinen Kommentar!

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