Wie der Kommerz Weihnachten gestohlen hat

„Wenn Du Atheist bist, darfst Du Weihnachten nicht feiern!“
Dieses brillante Zitat habe ich vor etwa einem halben Jahr an meiner neuen Schule gehört und ich trage die Erinnerung an diesen amüsanten Moment bis heute in Ehren. Leider war ich nicht der Angesprochene (und ich mische mich nicht gerne in fremde Gespräche ein), ich hätte zu gerne meinen Senf dazu abgegeben – aber für so etwas schreibe ich ja Kolumnen im Internet!
Nun ist meine Hauptmotivation für diese Kolumne nicht etwa nur dieses eine Zitat (oder die Hoffnung, dass ich durch einen Weihnachtstext an Heiligabend mehr Leser bekomme) – damit verbunden lese ich schon fast regelmäßig zu Weihnachten einen bestimmten Satz, den ich schon nicht mehr hören möchte und dem ich entsprechend ebenfalls ein paar Worte widmen möchte – mehr noch liegt darauf mein Hauptaugenmerk, doch ich möchte eben erwähnten Satz als Einleitung verwenden (und damit außerdem noch die Kolumne um eine halbe Seite verlängern).

Also, wo fange ich an? Bestenfalls am Anfang:
„Wenn Du Atheist bist, darfst Du Weihnachten nicht feiern!“
Idiotisch. Warum soll man nicht-religiösen Menschen das Recht absprechen, Weihnachten zu feiern? Weil es ein christliches Fest ist?
Das ist es nicht. Damit mag ich einigen Lesern nichts Neues erzählen: Gibt man bei Google „Weihnachten he“ wird einem in Form von empfohlenen Suchbegriffen bereits die Suche nach der heidnischen Herkunft des Fests der Liebe nahegelegt. Tatsächlich stammt Weihnachten nämlich gar nicht aus dem Christentum: Ursprünglich war der 25. Dezember der Tag, an dem die Römer ihrem Sonnengott huldigten. In Antwort darauf feierten die Christen an dem Tag die Geburt von Jesus (deren tatsächliches Datum zu dem Zeitpunkt schon nicht bestimmbar war), und als der Christentum dann mehr und mehr zur dominanten Religion wurde, war bald der 25. Dezember als Tag der Geburt Christi festgelegt. Daraus entstammte auch der Brauch des Weihnachtsbaums – zur Wintersonnenwende ehrten die Römer ihren Sonnengott, indem sie einen Baum schmückten.
Was sagt uns das? Wenn ein Christ mit voller Ernsthaftigkeit behauptet, Atheisten dürfen kein Weihnachten feiern, dann sollen sie sich gefälligst auch daran halten und den Weihnachtsbaum abschaffen. Oder vielleicht an einem Feiertag feiern, der Jesus‘ Geburtstag zumindest ein Stück weit näher liegt.
Aber das würde keiner machen, und warum auch? Weihnachtsbäume gehören einfach dazu, genauso wie andere Traditionen, die mit dem Christentum eigentlich nichts zu tun haben. Es mag sein, dass viele andere Traditionen (genauso wie die Geschichte mit der Geburt Christi) aus dem Christentum entstanden und so Weihnachten für uns stark geprägt haben, aber inzwischen ist Weihnachten nun einmal kein Fest, das dem Christentum noch gehört: Es gehört inzwischen zu unserer Kultur und ist nicht mehr an den Glauben an Gott gebunden.

Aber was bedeutet Weihnachten dann inzwischen? Für viele ist es das Beisammensein mit ihren Freunden und ihrer Familie, andere legen die Bedeutung an einen anderen Punkt. Doch viele sehen die Bedeutung in einer viel verwerflicheren Lage – und das bringt mich zu eben jenem Satz, den ich jährlich zu Weihnachten lese und höre:
„Weihnachten ist nicht mehr das, was es mal war – jedes Jahr rennen die Leute nur in die Läden, kaufen Geschenke für teures Geld und vergessen den wahren Sinn von Weihnachten!“
Jedes. Verdammte. Jahr. Und wenn man im Internet unterwegs ist, wird es noch schwieriger, diesem Satz zu entkommen. Es klingt logisch – tatsächlich laufen zu Weihnachten alle Leute panisch umher und versuchen, für die Liebsten ein Geschenk zu kaufen. Doch ist es wirklich so, dass der Konsum das Weihnachtsfest beherrscht?
Um ehrlich zu sein, wusste ich zu Beginn nicht, wie ich dieses Thema anpacken sollte, und eigentlich war schon geplant, dass ich die Kolumne abbreche und mich nach dem Fest einem anderen Thema widme. Bis ich zu dem Thema in eine Diskussion geriet, in der auch ein berühmtes Kinderbuch, welches sich mit genau dem Thema beschäftigt, erwähnt wurde. Und da bekam ich eine Idee! Eine geniale Idee! Ich bekam eine wunderbar geniale Idee!

Viele von euch kennen sicher Doctor Seuss‘ berühmte Geschichte vom Grinch, der Weihnachten gestohlen hat: Der Grinch ist ein grünes, behaartes Wesen, das auf einem Berg unweit von Whoville lebt. Und als Weihnachtshasser, dessen Herz einfach nur zwei Nummern zu klein ist, veachtet er die alljährlichen Weihnachtstraditionen – woraufhin er beschließt, als Weihnachtsmann verkleidet nach Whoville zu gehen und dort Weihnachten zu stehlen, indem er sämtliche Geschenke, sämtlichen Schmuck und sämtliches Weihnachtsessen aus den Häusern entwendet. Und als dann der Weihnachtstag kommt, stellt er fest, dass er keineswegs Weihnachten gestohlen hat, da die Leute dennoch feiern – denn tatsächlich feiern sie nicht für die Geschenke, den Schmuck und das Essen, sondern für das Beisammensein. Viele sehen diese Geschichte als Besinnung auf den wahren Wert von Weihnachten. Ich denke vielmehr, dass die Geschichte zeigt, dass all das Gezeter über den angeblichen kommerziellen Wandel von Weihnachten Stuss sind.
Schauen wir uns erst einmal an, was so oft von den weihnachtlichen Kommerzkritikern verlangt wird, um den Kommerz aus Weihnachten zu entfernen: Die Leute sollen sich keine Geschenke kaufen, oder nur kleine, oder bestenfalls nur selbstgemachte. (Zumindest sind das die einzigen Vorschläge, die ich je gehört habe.) In der Geschichte wurde explizit gesagt, dass die Bewohner von Whoville in die Läden gestürmt sind, um sich Geschenke zu machen – und zwar keine kleinen Geschenke: Genannt wurden Fahrräder, Schlagzeuge und mehr. Ist also auch Whoville dem Kommerz anheim gefallen? Ist es auch durch den Konsum verdorben und hat den wahren Hintergrund von Weihnachten aus den Augen verloren? Definitiv nicht, denn auch ohne Geschenke und Verzierungen haben sie keine Probleme damit, das Fest zu feiern. Natürlich haben sie Geschenke gekauft – das ist schließlich Tradition. Doch es war nicht der einzige Grund, warum sie das Fest gefeiert haben!
Und wer sagt denn, dass es bei uns anders ist? Wenn wir zum Beginn des Winters in die Läden stürmen, um für die Liebsten wohlausgesuchte Geschenke zu kaufen und für die nicht ganz so Liebsten zumindest irgendetwas zu besorgen, dann tun wir das doch ebenfalls aus Tradition. Ich glaube nicht, dass wir alle Weihnachten auf den Materialismus reduzieren – er ist aber nun einmal Teil davon. Deswegen muss man das aber nicht gleich so dunkel sehen und behaupten, Weihnachten sei dem Kommerz zum Opfer gefallen. Ich behaupte im Gegenzug mal etwas Anderes: Würde auch bei uns der Grinch vorbeikommen und unsere Geschenke, unseren Schmuck und all das stehlen, dann… Nun gut, dann würde wohl erst einmal die Polizei alle Hände voll zu tun haben, um den dreisten Dieb zu erwischen. Aber abgesehen davon bezweifle ich stark, dass Weihnachten für uns enden würde: Auch wir würden es ohne die materiellen Zeichen für das Fest weiterfeiern, denn auch für uns sind all diese Dinge einfach eine schöne Tradition, die Weihnachten für uns verdeutlicht, nicht aber ausmacht.

Also, was auch immer Weihnachten für euch bedeuten mag – das Beisammensein der liebsten Menschen, die Geburt von Jesus, die Zusammenkunft der Familie –, glaubt nicht, dass dieser Gedanke vom Kommerz in Form von Geschenken verdrängt wird und daher ausstirbt. Auch, wenn ihr euren Verwandten Geschenke kauft, ist dadurch nicht das gesamte Fest definiert – Weihnachten ist, was ihr dabei empfindet.
Ich wünsche euch allen ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

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