Sinn für Verhältnismäßigkeiten

Drei Monate ist es nun schon her, seit ich etwas geschrieben habe. Etwas Richtiges, meine ich. Ich habe zwar zwischendurch mal etwas auf meinem Blog hochgeladen, aber eine abgetippte Philosophiehausaufgabe ist, um ehrlich zu sein, ja eher eine Ausrede für Inhalt. Meinen letzten richtigen Text habe ich Heiligabend hochgeladen – ich habe nie Regelmäßigkeit versprochen, aber bei einem so langen Abstand hatte ich zwischendurch doch Schuldgefühle, wenn ich mich in den Weiten des Internets vergnügte, statt etwas Neues zu schreiben.
Aber macht es eigentlich einen Unterschied, ob ich etwas mache oder nicht? So auf langer Sicht gesehen?

Versteht mich nicht falsch, ich möchte euch keineswegs damit in den Ohren liegen, dass mein Blog zu unbedeutend ist und dass mich ja ohnehin kaum jemand liest – es liegt mir absolut fern, über mangelnde Resonanz zu jammern. (Ich hätte natürlich trotzdem nichts dagegen, wenn ihr mich weiterempfehlt.) Vielmehr möchte ich das „machen“ etwas weiter fassen: Nicht nur beim Schreiben, auch bei allen anderen Tätigkeiten sollte man vielleicht einmal innehalten und sich fragen: „Ist das überhaupt von Bedeutung? Macht es, kosmisch betrachtet, tatsächlich einen Unterschied, wenn ich heute liegen bleibe und einfach nichts tue?“ Und nach einigem Überlegen bin ich zu einer deprimierenden Antwort gekommen: Nein, tut es nicht.
Natürlich haben wir einen Einfluss auf unsere Umwelt, das kann und möchte ich auch gar nicht leugnen. Wenn man einmal darüber nachdenkt, haben wir allein schon einen gewaltigen passiven Einfluss, dem wir uns so gar nicht bewusst sind – kleine Aktionen, die uns unbedeutend vorkommen, können große Auswirkungen haben: So kann beispielsweise der einfache Entschluss, zum Einkaufen in die Stadt zu fahren, dazu führen, dass man mit dem Auto für einen Moment eine Einfahr blockiert, wodurch der Fahrer, der mit seinem Auto in der Einfahrt stand, einige Sekunden später über die Straßen brettert. Dies könnte, wenn alle Gegebenheiten günstig stehen, einen tödlichen Unfall verhindern, bei dem ansonsten ein Mann ums Leben gekommen wäre. Aber dadurch, dass man durch die Heldentat des Einkaufens dem Autofahrer einige Sekunden raubte, verpasst er den Mann, der dadurch unfallfrei durch den Tag kommt. Nur dank dieses Zufalls kann der Mann überleben und vielleicht einige Jahre später etwas Bedeutsames wie den Warp-Antrieb erfinden, durch den wir den Weltraum erforschen und der Galaktischen Förderation beitreten können!
Natürlich sind Ereignisse wie oben beschriebenes Gedankenspiel furchtbar unwahrscheinlich, doch wenn man bedenkt, wie viele Entscheidungen wir jeden Tag treffen, wird es nur allzu wahrscheinlich, dass es früher oder später so kommt, dass wir durch unsere bloße Existenz etwas Bedeutsames bewirken! Ob das nun positiv oder negativ ist… sei mal dahingestellt. Denn natürlich muss es nicht nur so sein, dass wir durch unser Handeln auch eine Katastrophe auslösen – vielleicht waren es ja gerade die wenigen Sekunden Verzögerung, die letztendlich zu dem Unfall führten! Möchte man sich solche Errungenschaften also voller Stolz an die Brust hängen, muss man sich auch vor Augen führen, dass man im Laufe des Lebens den Tod von immer mehr Menschen durch solch unscheinbare Aktionen verursacht hat. Das ist nun auch eine Art von Einfluss, wenn auch keine sehr schöne – aber generell ist dieser gesamte passive Einfluss ohnehin ziemlich undeutlich, da er sich vor allem nicht einmal ansatzweise ermitteln lässt. Nein, wenn, dann sollte man schon im aktiven Einfluss suchen – wie verändere ich meine Welt mit meinem ganz bewussten Handeln?

Nun, zum Beispiel könnte ich selbst die Person sein, die den Warp-Antrieb erfindet oder die Menschheit auf andere Weise voranbringt. Auf diese und andere Arten haben schon viele Menschen unsere Welt massiv verändert – ob nun zum Guten oder zum Schlechten. Albert Einstein, Napoleon Bonaparte, Nikola Tesla, Adolf Hitler, Jesus – dies sind nur einige berühmte Personen, die ich hauptsächlich aufführe, damit dieser Text von Google gefunden wird, wenn man dort ihre Namen eingibt. Natürlich sind das recht extreme Beispiele, aber auch etwas Kleineres wie das Schreiben eines Romans oder auch nur eines Blogeintrags stellt einen aktiven Beitrag zur Gestaltung unserer Welt dar. Dieser mag vielleicht nicht unbedingt so gewaltig sein, doch er ist vorhanden – also bedeutet das, dass wir sehr wohl einen Einfluss auf unsere Welt haben, richtig?
Nun, genau da liegt das nächste Problem – wir haben einen Einfluss auf unsere Welt.

Gehen wir einmal ganz pessimistisch davon aus, dass das nichts wird mit dem Warp-Antrieb, und dass wir es auch sonst nicht schaffen, fremde Planeten wie den Mars zu besiedeln, bevor unsere Spezies ausstirbt und die Sonne mit ihrer stetig steigenden Hitze unsere toten Körper samt unseren Hinterlassenschaften bis zur Unkenntlichkeit röstet. Welchen Sinn hatte dann sämtliches Handeln zu unseren irdischen Lebzeiten? So ziemlich keinen. Wir hatten nicht die Möglichkeit, unseren Einfluss auf einen Bereich außerhalb der Erde nennenswert aufzuweiten, für etwaige außerirdische Erkunder wird der verkohlte Felsklumpen, der einmal unsere Erde war, wohl kein so reizvolles Ziel sein – und selbst wenn, ist von unserer Kultur dann nicht mehr allzu viel zu finden. Sprich: Alles, was wir je geleistet haben, hatte vielleicht auf der Erde seinen Einfluss, darüber hinaus war es aber absolut sinnlos. Und das gilt auch für Berühmtheiten wie die oben genannten.
Sehen wir die Sache etwas optimistischer: Vielleicht schaffen wir es mit dem Überleben ja, wir besiedeln neue Planeten, breiten uns im Weltraum aus und bewahren so unsere Kultur und auch den Einfluss, den jeder Einzelne von uns auf die Welt hatte (ob dieser dann noch signifikant ist, lasse ich mal außen vor). Damit erreichen wir dann immerhin die Sinnlosigkeit des Handelns auf einer höheren Ebene – denn auch, wenn wir uns im Weltraum verteilen, wird unser Tun früher oder später nichtig werden. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass unsere Existenz ewig halten wird – egal, wie sehr wir uns verbreiten, mit außerirdischen Kulturen vermischen und unseren Einfluss immer weiter über den Weltraum ausweiten, irgendwann wird es dazu kommen, dass das alles vernichtet wird. Vielleicht durch eine Katastrophe, die alles auslöscht, vielleicht endet irgendwann das Universum, vielleicht werden wir auch von einer aggressiven Lebensform versklavt, die unsere Kultur kurzerhand durch ihre eigene ersetzt. Was auch passieren mag, irgendetwas wird mit Sicherheit passieren, dafür ist genug Zeit – um genau zu sein: unendlich, und in unendlich viel Zeit kann alles geschehen. Es ist praktisch unmöglich, dass wir unendlich lange überleben, da früher oder später irgendetwas unsere Existenz vernichten muss – und wenn es die Zeit selbst ist, die endet. Und wenn wir den unmöglichen Fall setzen, dass wir unendlich lange überleben – nun, welchen Wert hat der Einfluss, den wir heute haben, nach einer Unendlichkeit noch?

Wie man es auch dreht und wendet, letzten Endes bleibt es also dabei, dass unser Handeln auf langer Sicht keine bleibende Wirkung auf unsere Welt hat. Ob ich also nun den ganzen Tag faul im Bett liege und nichts Produktives tue, oder ob ich mich aufschwinge und den Fluxkompensator entwickle – letzten Endes wird das Ergebnis gleich bleiben. Alle Erfolge in Deinem Leben? Alles, was Du erreicht hast und was Du bisher für bedeutsam erachtet hast? Wertlos.Was fängt man nun mit einer solchen Erkenntnis an? Greift man zum Strick, oder macht man sich dafür extra die Mühe, sich eine Pistole zu besorgen? Ein Sprung von der Brücke ist natürlich auch beliebt, aber wer einen schmerzlosen Tod im Schlaf vorzieht, setzt sich in das Auto und leitet per Schlauch die Abgase ins Innere. Die Möglichkeiten hier sind grenzenlos – ich für meinen Teil habe mich dazu entschieden, aus dieser Erkenntnis einen Lebensstil zu entwickeln, der mir schon zu vielen Gelegenheiten half, mit meinem Leben fertig zu werden.
Ich merkte weiter oben bereits an, dass wir uns sowohl bei den passiven, als auch bei den aktiven Einflüssen nicht nur auf das Positive beziehen können – wenn wir die Welt im negativen Sinne beeinflussen, müssen wir auch das berücksichtigen. Dies gilt aber auch hier – zwar ist es nun so, dass alles Positive, das wir mit der Welt anstellen, auf langer Sicht komplett an Signifikanz verliert, doch auch die Dinge, die wir verbocken, werden auf Dauer unwichtig. Die verhauene Mathearbeit neulich? Der faux pas gegenüber Deinem Schwarm? All das ist kosmisch gesehen von keinerlei Belang. Warum sollst Du Dir dann einen Kopf darum machen? Bei allen Katastrophen, die Dir geschehen, denke einfach daran und halte Dich an einen einfachen Grundsatz: Keine Panik!

Aber bei all diesem Nihilismus – wo steckt dann noch der Sinn des Lebens? Was machen wir überhaupt hier, wenn es doch ohnehin keine Auswirkungen habt? Nun, ich weiß nicht, wie ihr das seht (allerdings gibt es dafür eine Kommentarfunktion *zwinker* *zwinker* ), aber ich denke, ich bin ganz gut damit bedient, wenn ich meine Energie darauf verwende, die Existenz so angenehm wie möglich zu gestalten. Gehe Deinen Hobbies nach, tu, was Dir gefällt – aber beachte dabei zwei Dinge:
1. Das bedeutet nicht, dass Du Dich komplett zurücklehnen kannst und dadurch langsam in einen Zustand verfällst, in dem Dein Leben langsam den Bach heruntergeht. Achte darauf, dass nicht nur Deine derzeitige Existenz angenehm ist, sondern dass Du sie so gestaltest, dass Du auch in Deinem weiteren Leben noch angenehm leben kannst. Dazu ist natürlich auch manchmal nötig, einige unangenehme Phasen zu durchlaufen. Achte nicht kurzsichtig auf Dein momentanes Wohlbefinden, sondern schaue auch darauf, welchen Einfluss Deine Aktionen auf Dein späteres Leben haben – denn das ist ein Einfluss, der für Dich tatsächlich von Bedeutung ist!
2. Es ist nicht nur Deine Existenz, auf die Du Acht geben solltest. Wenn Du gerne durch die Straßen läufst und wildfremden Menschen grundlos die Kehlen aufschlitzt, kannst Du mit diesem Hobby sicher eine angenehme Zeit haben, Du ruinierst damit aber fremde Leben. Schon in der Bibel wird durch zehn Gebote etwas gelehrt, was man ganz einfach zusammenfassen kann: Sei kein Arschloch. Beeinträchtige Deine Mitmenschen nicht in ihrer Lebensqualität, und alles ist gut. Wenn Du möchtest, kannst Du sogar noch einen Schritt weitergehen und ihnen helfen – kann ja auch im kleinen Stil sein: Hier mal beim Tragen helfen, dort ein nettes Wort… Ist ja nicht viel Aufwand, der aber beträchtliche Wirkung zeigen kann. Wem das aber zu viel Aufwand ist, kann sich zumindest an die Hauptdirektive halten – mach es zumindest nicht noch unnötig schlimmer.

Damit hätten wir im Groben einen Lebensstil, dessen Name eigentlich Pflicht für die Kindheit meiner Generation ist: Hakuna Matata! Ob es sich bewährt? Nun, ich fahre bis jetzt sehr gut damit, aber ich bin noch jung. Vielleicht funktioniert das System nur für eine gewisse Zeit, und ich muss mir in ein paar Jahren etwas Neues überlegen. Vielleicht funktioniert es schon jetzt nicht, aber das merke ich erst, wenn mir in ein paar Jahren die Realität ins Gesicht schlägt. Wer weiß, vielleicht werde ich in ein paar Jahren eine Kolumne darüber schreiben, was für ein Mist dieser Lebensstil doch war und dass das Weltbild, das ich dann haben werde, das wirklich richtige ist. Solange mir nichts Besseres einfällt, werde ich einfach mal dabei bleiben und – unter oben genannten Einschränkungen – im Groben das tun, was mir gefällt. Es gefällt mir, Kolumnen zu schreiben, und ich denke nicht, dass ich damit jemandem schade. Ich gehe sogar so weit, zu hoffen, dass sie auch euch gefallen. Also werde ich damit weitermachen. Von jetzt an auch etwas häufiger. Vielleicht.

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2 Kommentare zu “Sinn für Verhältnismäßigkeiten

  1. Ja, im Grunde geht es Dir doch um den Sinn des Lebens… Naja und diese Frage ist ja bekanntlichen kosmischen Ausmaßes. Egal ob es um Sinn oder Unsinn eines Blogs oder um das Leben generell geht, ich meine, dass ein Setzen von Zielen ein Schlüssel sein könnte. Denn dann hast Du wenigstens ein Maß für Erfolg oder Misserfolg und auch die Chance zu bewerten, ob es Sinn macht, aufzustehen oder liegen zu bleiben…

    • Ja, das in etwa würde ich in den Grundsatz „Mach, was Dir gefällt“ (und stellenweise die erste „Regel“) packen – wobei ich gerade sehe, dass ich mich da doch recht ungeschickt ausgedrückt hatte. Natürlich schließe ich das Setzen von Zielen nicht aus, ich persönlich würde mir aber kein Ziel setzen, um mit dessen Erfüllung etwas in der Welt zu bewirken – sondern einfach, weil es mir so Spaß macht. Aber ich kann mir vorstellen, dass so auch eine „Ich mach mal nichts aus mir, es bringt ja ohnehin nichts“-Haltung entstehen könnte. Ich hatte mich da dann eher auf die „Mach Dir keine Sorgen“-Richtung konzentriert.
      Das ist dann vielleicht ein Ziel, das ich mir setzen sollte – darauf achten, dass ich mich in meinen Texten klarer ausdrücke. ^^
      Vielen Dank für Deinen Kommentar!

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