Kurzgeschichte: Die Bürden eines ewigen Mannes

Ein fiktionaler Text, den ich am 19. Februar 2013 als Hausaufgabe für den Philosophieunterricht geschrieben habe. Er hatte allerdings mein persönliches Interesse gepackt, und so erledigte ich diese Hausaufgabe ausnahmsweise mal mit Elan, statt alle paar Minuten nach dem weitaus interessanteren Internet zu schauen.
Die in der Hausaufgabe zu beantwortende Frage war:
Was hätte es für Folgen, wenn das Leben einer Person um das Hundertfache verlängert würde und alle sonstigen Naturvorgänge unverändert blieben?

Ethan wachte auf. Nicht durch das Getöse seines Weckers oder das viel zu frühe Klingeln eines Postboten, sondern bloß durch die Zeit. Es war ein gewöhnlicher Samstagmorgen, der sich von allen anderen Samstagmorgen der letzten Jahrhunderte nicht wesentlich unterschied. Ethan setzte sich auf und blickte neben sich, wo er Kori erblickte. Seit ihrer Hochzeit vor zwölf Jahren – sie war damals erst 35 Jahre alt gewesen – teilten sie sich beinahe jede Nacht das Ehebett. Seufzend stand Ethan auf und schritt zum Spiegel, aus dem ihm ein schwarzhaariger Mann von etwa 20 Jahren anblickte. Zumindest war dies der Schein, den jeder sah – Ethan selbst wusste über sein ungewöhnlich hohes Alter natürlich Bescheid. Nicht, dass er sich nun darüber Gedanken machte – er hatte in den letzten knapp 2000 Jahren genug Zeit gehabt, sich an diesen Umstand zu gewöhnen, und so verschwendete er keinen weiteren Moment daran und kleidete sich an.
Während er gerade in der Küche den Tisch für das Frühstück deckte, betrat Kori, die inzwischen aufgewacht war, den Raum. Ein übermüdet gemurmeltes „Morgen“ später saßen sie beide am Tisch und nahmen ihr Mahl ein. Nachdem Kori ihre Kaffeetasse zur Hälfte geleert hatte, durchbrach sie die Stille. „Du hast heute wieder eine Untersuchung.“ „Ich weiß“, murmelte Ethan nachdenklich. „Was denkst Du, was sie herausfinden werden?“ „Wie immer – nichts Neues.“ Ethan kannte diese Untersuchungen nur zu gut – alle zehn Jahre hofften irgendwelche Wissenschaftler, neue Erkenntnisse über ihn sammeln zu können, und jedes Mal war das Ergebnis gleich ernüchternd. Es sei ein Gendefekt, konnten sie ihm einmal sagen und wiederholten sie seitdem jedes Mal aufs Neue. Mehr ließe sich zum derzeitigen Stand der Wissenschaft noch nicht herausfinden, aber in zehn Jahren würde sich bestimmt etwas Neues ergeben. Ethan glaubte schon lange nicht mehr daran – die Antwort auf die Fragen, die sein Körper aufwarf, war immer „zehn Jahre entfernt“. Dennoch ließ er sich jedes Mal aufs Neue von ihnen seinen freien Tag rauben. Vielleicht war es ja seine Hoffnung, die noch langsamer starb als er selbst – die Hoffnung auf eine Lösung, eine… Heilung.
Schweigend beendete Ethan sein Frühstück, verabschiedete sich von Kori und brach auf. Vielleicht ja heute…

Kori räumte die Reste des Frühstücks weg und ging ins Badezimmer um in den Spiegel zu sehen, aus dem sie eine brünette Frau von beinahe 50 Jahren anblickte. Mit Sorge betrachtete sie die Falten in ihrem Gesicht, die sich in letzter Zeit immer stärker gemehrt hatten. Ihre braunen Haare wurden stellenweise von ergrauten Strähnen durchbrochen und ihr Blick wirkte weitaus müder als vor einigen Jahren. Anders als an Ethan nagte der Zahn der Zeit unaufhörlich an ihr. Sie wurde alt und sie würde noch älter werden und eines Tages sterben, und Ethan würde bei ihre Beerdigung stehen und genauso aussehen wie bei ihrer Geburt. Schweren Herzens versuchte Kori, nicht mehr daran zu denken. Sie musste sich langsam bereit machen, denn auch sie hatte an diesem Tag eine Untersuchung.
Wenige Stunden später wurde der Verdacht, der vor einigen Jahren in ihr aufgekeimt war, bestätigt. Resigniert senkte Kori den Kopf und murmelte etwas von einer Abtreibung, woraufhin ihr Gynäkologe sie bestürzt bedrängte, sie solle sich das gut überlegen und ob sie das Kind nicht doch behalten wolle. Kori begann zu Zittern und brach in Tränen aus. Natürlich wollte sie das Kind austragen – doch eine 75-jährige Schwangerschaft könnte sie einfach nicht überleben.

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